Irgendjemand muss doch schuld sein.
Dieser Satz liegt heute über allem wie ein feiner Staub.
Er setzt sich auf jede Diskussion, jede Nachricht, jedes Gespräch am Küchentisch.
Wir greifen nach ihm, fast automatisch, wie nach einem Reflex, der uns schon lange nicht mehr schützt, aber den wir nicht ablegen können.
Schuld ist einfach.
Schuld ist schnell.
Schuld ist ein Pfeil, der immer von uns weg zeigt.
Und vielleicht genau deshalb ist sie so verführerisch.
Denn Eigenverantwortung – dieses leise, unscheinbare Wort – verlangt etwas, das uns abhandengekommen ist: Mut.
Mut, sich selbst anzusehen.
Mut, den eigenen Anteil zu erkennen.
Mut, nicht wegzuschauen, wenn das Spiegelbild unbequem wird.
Eigenverantwortung ist kein moralischer Imperativ.
Sie ist ein innerer Akt der Ehrlichkeit.
Sie beginnt dort, wo die Ausreden enden.
Aber wir leben in einer Zeit, in der Ausreden Hochkonjunktur haben.
Die Welt ist kompliziert, die Systeme undurchsichtig, die Erwartungen überfordernd.
Es ist so viel leichter zu sagen: „Ich konnte ja nichts dafür.“
Oder: „Die anderen hätten…“
Oder: „Man müsste mal…“
Doch während wir Schuld verteilen, verlieren wir etwas Entscheidendes:
unsere eigene Wirksamkeit.
Schuld lähmt.
Verantwortung bewegt.
Schuld macht klein.
Verantwortung macht handlungsfähig.
Schuld trennt.
Verantwortung verbindet – mit uns selbst, mit anderen, mit der Welt, die wir gestalten könnten, wenn wir wollten.
Vielleicht ist das die eigentliche Tragik unserer Zeit:
Nicht, dass Fehler passieren.
Sondern dass wir verlernt haben, sie als Chance zu begreifen.
Als Möglichkeit, zu wachsen, zu lernen, zu verändern.
Wir suchen Schuldige, weil es uns entlastet.
Wir meiden Verantwortung, weil sie uns fordert.
Aber ohne Verantwortung gibt es keine Freiheit.
Nur Abhängigkeit.
Nur Ohnmacht.
Nur das Gefühl, dass das Leben etwas ist, das uns passiert – statt etwas, das wir gestalten.
Eigenverantwortung ist kein großes Wort.
Es ist ein stilles.
Aber in diesem Stillen liegt Kraft.
Die Kraft, die Welt nicht nur zu beklagen, sondern zu bewegen.
Vielleicht sollten wir wieder öfter fragen:
Nicht „Wer hat Schuld?“,
sondern „Was ist mein Anteil – und was kann ich jetzt tun?“
Es wäre ein Anfang.
Ein kleiner.
Ein leiser.
Aber vielleicht genau der, den wir brauchen.
Quelle: Albert Ackermann (albert46)
|| © poll-am-rhein.de || Köln-Poll || 2004 - Juni 2026 || Seitenanfang